Vorsicht, Autor! - Leseprobe - Uwe Stöß | Schriftsteller | Leipzig

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Vorsicht, Autor! Texte von der Theke (Anthologie)

„Poetenweg"

„Soll ich wirklich zu dieser Lesebühne gehen?" Frage ich zum x-Male meine Freundin, die mir gegenüber sitzt und in einen Dickmann beißt. Die klebrige Süßigkeit explodiert in ihrem Mund, und ich verstehe kein Wort, als sie mit wilder Gestik und einem Schokoladensplitter auf der Nasenspitze irgendwas von sich gibt: „Mmh nu, Mmph, jo da... umm... jam." „Bitte! Ich versteh´ nur Bahnhof!" Sage ich genervt, aber nicht, weil Stefanie mit dem Akzent eines Außerirdischen spricht, sondern weil ich seit Tagen mit mir hadere, mich zu dieser Lesebühne aufzuraffen.

Den Vorschlag an dieser angsteinflößenden Veranstaltung teilzunehmen, hatte mir mein Bewährungshelfer gemacht, besser gesagt, die Dame, die gegenüber seinem Büro gesessen hatte. Frau Schaller war so nett gewesen, die Buchstaben meiner kleinen Geschichtchen und Gedichte aus der Gefangenschaft ihrer, beziehungsweise meiner bösen Grammatik zu befreien. Vor Jahren hatte ich begonnen, meinen inneren Krieg aufs Papier zu bringen. Meine Traurigkeit, meine Wut und meine Ohnmacht hatten erst ein Stift, und dann eine Schreibmaschine auf die guttuend verständnisvollen Seiten geschrieben und schließlich gehämmert. Vorwiegend versuchte ich mich an Wald und Wiesengedichten, vollgestopft mit tonnenschweren Emotionen, einen mehr oder weniger menschenfreundlichen Zynismus und bösen Kritikern zufolge, auch dem einen oder anderen banalen Reim. Trotzdem ich versuchte eine Passagiermaschine durch ein Nadelöhr zu klopfen, hing viel Herzblut an diesen Verschen. Mir war es eine Freude gewesen, meine Wut halbwegs lesbar aufs Papier zu dreschen und die Variante war allemal Nervenschonender, als die, die mich ständig in den Knast gebracht hatte. In meinen Texten darf ich Beamte die unserer Welt nicht braucht, öffentlich auf dem Marktplatz hinrichten und sie so ihrer gerechten Strafe zuführen. Ich darf der Bundeskanzlerin ihren hässlichen Hosenanzug in Brand stecken, der Regierung geschlossen Hartz IV auszahlen, und eine Frau besitzen die nach langen kalorienreichen und faltenintensiven Ehejahren immer noch aussieht wie ein achtzehnjähriges Topmodel. An längere Geschichten hatte ich mich nicht herangewagt, die hätten mir vielleicht gezeigt, dass ich gar nicht schreiben konnte, und das hätte mein pseudoliterarisches Ego nicht verkraftet. Meine vollendeten Werke hatte ich immer ganz schnell im Schubkasten verschwinden lassen. Ich war nach wie vor der Meinung, dass meine Gedanken und Emotionen, wörtlich und auch schriftlich niemanden interessierten und dass sich daran auch nichts ändern wird.

„Die Geschichte mit dem ‚Sandmann' zum Beispiel, habe ich schon dreimal gelesen", reißt mich Stefanie aus meinen Überlegungen, immer noch würgend an dem widerspenstigen Dickmann, „das sind gut beschriebene Situationen eines Alltages den die meisten Menschen nicht kennen, weil sie schlicht und ergreifend wegsehen." „Meinst du nicht, dass die mehr auf Friede Freude Eierkuchengeschichten stehen. Arztromane, Bergromane, oder vielleicht philosophietriefende, literaturpreisverdächtige Pamphlete mit so intelligenten Inhalten, die einem kompetenzschwachen Menschen wie mir, stets ein Geheimnis bleiben? Wen interessiert ein Alltag verkrachter Existenzen? Wenn ich am Zeitungsstand die Horden sehe, die Krokodilstränen in den Augen haben, weil Prinz ‚was weiß ich', keine Frau findet und zufrieden mit dem Kopf nicken, weil die Filmdiva sowieso, vom neunten Exmann endlich die 100 Millionen Dollar Unterhalt bekommt." Ich schüttle den Kopf und die Lesebühne rückt ein Stück weiter aus meinem Blickwinkel.

„Das ist wieder typisch. Bloß weil ein paar Bildzeitungsleser jeden Schrott konsumieren, kannst du das nicht auf den Rest der Welt anwenden. Außerdem ist eine Lesebühne kein wissenschaftliches Literaturforum!". Sie beendet ihren Kalorienexzess, verschließt die Schachtel mit den Cremegranaten die jeden Hintern explodieren lassen, und bereitet ihren nächsten Diskussionsbeitrag vor. Das sehe ich an den funkelnden Augen und ihrer Stirn, auf der zwei Fältchen ihre Bahnen ziehen. Währenddessen beschleicht mich ein neuer, schrecklicher Gedanke: „Wenn ich mir vorstelle, welchem Publikum ich mich dort zum Fraß vorwerfe. Dort verkehren Leute die trennen ihren Müll da ist er noch gar keiner. Praktizierende Pazifisten, studierte Weltverbesserer mit biologisch abbaubaren Klamotten. Da passe ich hin, wie ein Zebra auf die Galopprennbahn!" Ich nehme Stefanies Hand, wie ein Ertrinkender den Schwimmring, und dann kann ich mir ein Lächeln doch nicht verkneifen. „Deine zynischen Phantasien sind hier unangebracht, mein Kleiner. Heb´ sie für deine Geschichten auf! Ich würde gerne mitkommen", sagt sie und gibt mir noch die andere Hand, „doch meine Mutter hat Geburtstag und ich habe es ihr versprochen, auch wenn ich Tante Elsbeth gegen alle Lesebühnen der Welt eintauschen würde." Stefanie hält ihren hübschen Kopf schräg, und dieser Hundewelpenblick gefällt mir gar nicht, der da heißen soll: ‚Nun mach´ schon und lass dich nicht solange betteln.' Ich beuge mich über die Tischplatte und versuche ein letztes Mal mich aufzubäumen, mich davon zu überzeugen, dass eher eine Schildkröte durch einen brennenden Reifen springt, als das ich auf einer Lesebühne etwas vortrage: „Die Leute wollen Sex, Gewalt und Blut, das mit reißenden Fluten ihre pedantisch angelegten Vorgärten überschwemmt, aber trotzdem eine heile Welt. Unverwundbare Helden, flammende Leidenschaften, und adlige Sonnenuntergänge, weit weg von Lockenwicklern oder Prostataerkrankungen. Erfolgreiche Reiche, die mit dicken Limousinen zur Pferderennbahn kutschieren, anstatt sich morgens den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, zwei Euro für die Bahn auszugeben, oder besser doch zum Arbeitsamt zu laufen, wo ihnen eine automatische Grinsmaschine mitteilt das sie zum Toilettenreinigen dreißig Jahre zu alt sind. Noch weniger Interesse erwecken wohl die, die es gar nicht erst zum Arbeitsamt schaffen und die zwei Euro gleich versaufen!"

Ich leiere mich aus meinem Sessel und stehe mitten im Raum wie bestellt und nicht abgeholt. Ein verdatterter Fußballfan der im riesigen Olympiastadion auf dem Anspielpunkt sitzt und sich darüber ärgert, das Spiel um eine Woche verpasst zu haben. …

 
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