Weltkriege ... - Rezensionen - Uwe Stöß | Schriftsteller | Leipzig

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Weltkriege und Geschlechtskrankheiten - Rezensionen

aus amazon.de

5.0 von 5 Sternen
Weltkriege ..., 19. September 2012
Von Clerence Still

ich will mich kurz fassen:

habe Stöß nun auf zwei Lesebühnen gesehen und dieses Buch gelesen und ich bin ehrlich begeistert.

Diese feine Beobachtungsgabe brutaler Alltags-Realität in Kombination mit wirklicher Sprachbeherrschung und einem Gefühl für das Poetische am Leben; das dürfte es nur ganz ganz selten geben.

So ein Buch will ich mal auf den Büchertischen der großen Läden sehen!

Auf dem Linoleum der Realität
Bert Hähne | LVZ

„In erster Linie geht es gar nicht ums Schreiben“, bekannte Uwe Stöß zum Ende seiner Lesung am Freitag, „es geht noch immer um mein Leben“. Er hätte es nicht sagen müssen, das Publikum in der kleinen Tonne der Moritzbastei hatte es, wenn nicht bereits gewusst, so doch lang schon bemerkt. Das literarische Talent mit dunkler Vergangenheit stellte gemeinsam mit dem jedes Mal beeindruckenden Sprecher Axel Thielmann sein drittes Buch vor.

Der Titel, „Weltkriege und Geschlechtskrankheiten“, ein Zitat aus einer der darin enthaltenen Erzählungen, führt auf die falsche Fährte. Stöß nämlich bewegt sich vor allem zwischen Arbeitsamt und Armeezeit, zwischen Parkbänken und Gemüseläden, springt gekonnt von der Gegenwart in die jüngere Vergangenheit, vom Anekdotischen zur dokumentarischen Bestandsaufnahme. So erzählt er von einem armen Schwein, das nach Paris will, um das Grab seiner Mutter zu besuchen – derart ergreifend, dass absolute Ruhe herrscht. „Ein Opfer muss Opfer bringen“, lautet ein Satz. Kurz darauf wird glucksend gekichert, als es um zwei pensionierte Offiziere im Urlaub geht, deren Frühstückstisch von Dänen besetzt wurde. Ausgerechnet von Dänen. „Die letzten 400 Jahre haben die nur kapituliert!“

Komödiant Thielmann („Uwe ist ein moralischer Mensch, rau, aber nicht herzlos.“) macht wahre Hörspiele aus den Episoden. Aber auch Stöß hält rhetorisch mit, wird mal lauter, macht mal Pause und bleibt dabei ehrlich und echt.

Immer wieder kehrt er in die Stadt seiner Herkunft, nach Plauen zurück, flicht amüsante Dialoge in traurige Schicksale und beschreibt anschaulich und diesseitig das Leben am Rande der Gesellschaft. Nicht selten wird es gar lyrisch, hören sich die Geschichten wie Gedichte an. Da hustet jemand eingeatmete Treppenstufen aus und landet auf dem Linoleum der Realität, ein anderer hat Pfefferminze im Hirn. Das sind eigenständige Formulierungen und Vergleiche, die zum Glück nie in anstrengende Wortspielereien ausarten. „Was Uwe Stöß schreibt, ist sozial genau gezeichnet“, erkennt Schriftstellerkollege und Mentor Henner Kotte als Gast der Buchpremiere voller Respekt an.

Der Stoff, aus dem das Leben ist:
Weltkriege und Geschlechtskrankheiten

Ralf Julke | Internetzeitung Leipzig | www.l-iz.de
05.03.2011

Ob Vorabendprogramm, ob Frauenroman, ob Groschenheft: Der Markt ist geflutet mit Geschichten von steilen Aufstiegen von ganz unten bis hinauf in die bunte Welt der Reichen und Schönen. Doch wie es tatsächlich ist, wenn einer von ganz unten die Rückkehr in die Gesellschaft wagt, steht da nicht. Denn in Wirklichkeit ist es eine Ochsentour.

Einer, der weiß, was für eine Ochsentour das ist, ist der 1963 in Plauen geborene Uwe Stöß, der mittlerweile mit zwei Erzählungsbänden beim Leipziger fhl Verlag für Furore gesorgt hat. Oder zumindest das, was man in Leipzig für Furore halten kann. Denn der deutsche Buchmarkt ist längst zweigeteilt. Den Elefanten-Anteil hat ein halbes Dutzend großer Verlagskonglomerate besetzt, das nicht nur die Buchhandlungsketten dominiert, sondern auch das deutsche Feuilleton und damit auch die Preisvergaben, die Jahr für Jahr ein auserwähltes Klientel von Autoren mit Preisen beglücken.

Dass weitab davon in kleinen, jungen und kreativen Verlagen nach wie vor der größere Teil der Entdecker- und Entwicklungsarbeit für gute heimische Literatur geleistet wird, kann der Rezipient dieses Buchmarktes gar nicht wahrnehmen. Die Bücher, die hier entstehen, werden zumeist abseits der großen Ketten abgesetzt, tauchen selten in den Regalen der Buchhandlungen oder gar in Bestseller-Listen auf.

Dabei werden hier auch jene Themen anders und frischer angepackt, über die die professorale deutsche Hochliteratur nur mit Distanz und Vogelperspektive erzählt. Man vergisst beinah, dass die Mehrheit der Bewohner der Bundesrepublik nicht so lebt, wie es die diversen Fernsehserien vorgaukeln.

Die meisten wissen, was es heißt, auch mal ganz unten zu landen. Und manche haben auch erlebt, was es heißt, noch tiefer abzustürzen.

Und Uwe Stöß ist so einer. Er hat erlebt, wie schnell ein Leben aus dem Gleichgewicht gerät, wenn der Alkohol zum "Problemlöser" wird und aus alkoholbedingten Abstürzen sinnlose Gewaltexzesse werden, die auf einmal eine Reise in den Knast bedeuten. Er weiß auch, dass Knast in Deutschland weder eine Rettung noch eine Lösung ist. Denn das Ende der Haftstrafe ist fast nie der Beginn einer Neugeburt, sondern meist das Glied einer Kette von neuem Andocken im alten Milieu, neuen Straftaten, neuer Haft - oder auch mal einem Aufenthalt in der Entzugsklinik dazwischen. Doch das alles in einem Bereich, in dem die Auffangnetze der Gesellschaft löcherig sind, wo versiebte Chancen schnell dazu führen, dass auch noch die rettende Wohnung verloren geht und die Karriere einer Obdachlosigkeit beginnt. Stöß hat das alles erlebt und auch in den beiden Erzählbänden "Zwei Etagen unter der Hölle" (2009) und "Auch Sterne lügen" (2010) schon darüber erzählt.

Zwei Bände übrigens, die Grund zum Aufhorchen gaben. Denn anders als manch anderer, der glaubt, dass er - wenn er nur Stoff zum Erzählen hat, auch darüber schreiben kann, kann Stöß erzählen und schreiben. Plastisch, klar und ohne Schwulst. Ohne Kathedergehabe. Seine Helden - und meistens ist das eine Ich-Figur - stecken mitten drin in den Katastrophen, die ihnen geschehen. Sie erleiden sie. Und der Leser bibbert mit. Denn es geht ganz tief da hinunter, wovor sich jeder Träumer der Mittelklasse so panisch fürchtet - in jene Welt, in der ein verächtlicher Federstrich eines Sachbearbeiters reicht, die Abstürze auszulösen.

Seiner ersten Geschichte, die den Helden bei einem seiner Neuanfänge zeigt, hat Stöß keinen Titel gegeben. Sie wirkt deshalb auch wie das Vorspiel zu Geschichten, die erzählen könnten, wie der Held genau dahin gelangt ist, an diesen Punkt, an dem er sich selbst am Schlafittchen packt und beschließt, sich nicht wieder herunterziehen zu lassen.

Eine Umkehr, die ja auch Stöß geschafft hat. Wenn man das "Schaffen" nennen kann, was einem geschieht, wenn er dann tatsächlich arbeiten will für sein Geld. Dazu gibt es eine eigene, sehr entlarvende Geschichte: "Mekka und der Kölner Dom".

Und auch die liest sich wie selbst erlebt. Eine Geschichte aus der heiligen Welt des modernen Arbeitens, in der eine völlig euphorisierte Sachbearbeiterin dem gerade Haftentlassenen einen Job bei einem privaten Leipziger Postunternehmen als die Chance seines Lebens offeriert, auch wenn er für den Knochenjob, der in der vereinbarten Zeit gar nicht zu schaffen ist, am Ende trotzdem mit 410 Euro ein Gnadenbrotempfänger bleiben wird. Wenn er es denn schafft, eine fiktive Anlernzeit zu überstehen. Doch schon der erste Tag geht gnadenlos in die Hose.

Es gibt mehrere Geschichten im Buch, die auf eigene Erlebnisse des Autors verweisen und entsprechend den Leser mitnehmen auf eine Gefühlstour tief hinab in die Enttäuschung und dann wieder - mit zusammengebissenen Zähnen - hinauf in eine Welt, wo es wieder Hoffnung gibt und ein paar Menschen (wie einen übergewichtigen Hausmeister), die Verständnis haben für die Gestrauchelten und Mutlosen. Dazwischen mengen sich Geschichten, die eher zeigen, dass Stöß auch aus seiner Phantasie schöpfen kann und daraus durchaus humorvolle, nachdenkliche Kurzgeschichten zu machen weiß.

Dass der Titel so martialisch klingt, hat natürlich mit dem Milieu zu tun, in das er zwangsläufig tief eintauchen musste - ein Milieu, in dem natürlich Welten aufeinander prallen. Dazu braucht es gar keine fremden Länder. Das passiert mitten unter uns. Wer aus der akzeptierten Welt der "bürgerlichen Mitte" mit all ihren lächerlichen Statussymbolen gefallen ist, erfährt das am eigenen Leib. Und auch die Geschlechtskrankheiten sind da dann eher keine Fiktion, wenn Liebe mit Vertrauen nichts mehr zu tun hat, sondern eher etwas mit der Geldsumme, die einer in der Jackentasche mit sich führt.

Erstaunlich oft kommen Bilder und Figuren vor, die auf eine ganz andere Lebenserfahrung des Autors verweisen: Seine Zeit bei der NVA. Einige seiner damaligen Vorgesetzten tauchen als rachsüchtige Knochenhunde im Rentnerdasein (oder auf der Bank des Arbeitsamtes) wieder auf. Doch unübersehbar lebt auch die Erfahrung des Soldaten fort, der im Schlamm der Ausbildung erfahren hat, wie das ist, wenn einen die Kommandeure verachten. Eine Erfahrung, die sich dann augenscheinlich fortschreibt durch die Zeit als Häftling und Bittsteller im Amt.

Der Verlag lobt die kompromisslose Sicht auf die Gesellschaft. Was erstaunlich ist. Denn das scheint dann eben doch die Ausnahme zu sein, obwohl es die Grundtugend jedes Erzählers sein müsste. Deswegen fallen diese Geschichten auch so auf. Hier will einer seine Zuhörer nicht einlullen und ihnen keine Märchen erzählen, hier arbeitet einer mit dem Stoff, aus dem seine Wirklichkeit ist. Und der Leser selbst bekommt mit ihm nasse Füße, kalte Hände, manchmal ein Bleigewicht zwischen den Schultern, aber auch da und dort den nie stillbaren Hunger auf Freiheit und Anerkennung.

 
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