Zwei Etagen ... - Rezensionen - Uwe Stöß | Schriftsteller | Leipzig

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Zwei Etagen unter der Hölle - Rezensionen

aus book-fiction.com

Uwe Stöß nimmt seine Leser mit in Welten, die diese ohne Gefahr für Leib und Leben nicht betreten könnten. In eine der Parallelgesellschaften, von denen immer so viel geredet wird, und in die abzugleiten für immer mehr Menschen zur Bedrohung wird.

Schon Autoren wie Gorki, Dostojewski oder – um einen Zeitgenossen zu nennen – Helmut Krausser sind hinabgestiegen in die Welt der Obdachlosen. Sie suchten nach der wahren Natur des Menschen, sie empfanden Mitleid, sie waren neugierig oder trieben ihre Studien bei den zu einem Leben auf der Straße und damit zu Krankheit und frühem Tod Verurteilten.

Anders Uwe Stöß. Er schrieb, um in der Obdachlosigkeit das eigene Leben zu retten. „Zwei Etagen unter der Hölle“ ist sein literarisches Debüt. In den chaotischen Zeiten nach der Wende geriet Uwe Stöß in kriminelle Kreise. Er raubte, er verschob Autos, kam mehrfach ins Gefängnis. Sein Leben war ein Faustkampf. Indem er andere schlug, schlug er sich selbst. Er trank, kam körperlich herunter, sank in der Hierarchie der Kriminellen immer weiter ab. Haltlos, stolz, voller Schamgefühle fand er auch nach Beendigung seiner kriminellen Karriere nicht mehr in die Gesellschaft und wurde obdachlos. Er lernte ein Leben kennen, das ein bloßes Überleben ist. Auf der Straße bestimmen zwei Gefühle das Leben unseres Helden: Hass und Scham. Jeder Mensch ist sein Feind oder sein Richter. Menschen weicht er in der Regel aus, weil er die Satten und Zufriedenen so hasst, wie diese pikiert an ihm vorübergehen, und doch schämt er sich seines Zustandes, stiehlt immer wieder von den Wäscheplätzen frisch gewaschene Kleider, wäscht sich im Pfarrgarten, um wenigstens äußerlich nicht in seinem Elend erkannt zu werden, und auch um dem Misstrauen der Verkäuferinnen zu begegnen – also besser stehlen zu können. „Hass, Wut und das inständige Verlangen nach deren Betäubung machten mich zu einem Tier, das man in die Enge trieb.”

Wir begleiten den Erzähler in die Abbruchhäuser, suchen Schutz vor dem Regen in Passagen, rauben und stehlen, schleppen Leergut über nächtliche Straßen, blicken in das verheißende Licht einer Nachttankstelle. Wir treffen die anderen Berber, den Kohlenhans, den Sandmann, den Nudelkoch und Stumpenhannes. Wir verbringen eine beklemmende Zeit im Gefängnis mit dem kindlich-perversen Benno, treffen den großen Manipulator Rondo und seine Schläger. Im Schatten der Bäume taucht vor uns der weiße Hintern eines Strichjungen auf – Zeit für den Erzähler, das Auto des Freiers auszurauben – und für sich und Sina ein wenig Glück herauszuschlagen. Menschen, an denen wir vorübergehen – der Text bringt sie uns nahe. In ihrer Not, ihrer Unerbittlichkeit, ihrer Mitleidlosigkeit füreinander; er zeigt die komischen Seiten, zeigt sie in ihrer Clownsvermummung, lässt uns teilhaben an ihren skurrilen Gesprächen. Sie trinken zusammen wie die besten Freunde, doch am Morgen hoffen sie, dass der andere die Nacht nicht überlebt hat. „Hannes machte sich Gedanken darüber, dass der plötzliche oder in diesem Falle längst fällige Tod seines Tippelbruders für ihn nicht lohnenswert wäre. Der Monat neigte sich nämlich dem Ende zu, und nicht einmal der geizige Nudelkoch besaß noch genügend Geld, dass eine Hinterlassenschaft attraktiv wäre. Es ist immer zu viel Monat übrig für die kleine Stütze vom Amt. Nur am ersten eines Monats würde Hannes einen guten Schnitt machen. Hier zeigte sich der nüchterne Rechner. Jedoch zählte der Stumpenhannes zu denen, die Nüchternheit in jeder Form bis aufs Messer bekämpften, und dieser Kampf begann meist schon am frühen Morgen.”

In all dem Elend verschweigt der Erzähler auch das Glück nicht, die einzige Form von Glück, die ihm geblieben ist: „Nun schwammen die kleinen Alkoholfrachter mit dem Strom meines Blutes in Richtung Gehirn. Eine sanfte Wärme entstieg dem Inneren der Erde, erreichte meine Füße, durchströmte meine Beine und ergoss sich im Mittelpunkt des Seins. Die Alkoholtransporter, am Hirn angedockt, löschten zügig ihre Ladung. Container mit Plagiaten billiger Glückseligkeit, Säcke stumpfer Traurigkeit und ein paar Fässer lächerlicher Lebenslust. Jedes Mal verstreuten sie auch unzählige Flugblätter, die mich aufforderten, genauso weiterzumachen wie bisher.”

Sina ist eine drogenabhängige Prostituierte, eine schöne junge Frau, die genauso von Zornausbrüchen gequält ist wie der Erzähler. „ ‚Ruf mich an, wenn er wieder auftaucht, ich regle das!‘ dabei drückte ich sie fester an mich, und gleichzeitig hielt ich mich an ihr fest. Menschen wie wir nutzen jede Gelegenheit, in den Arm genommen zu werden. Weil wir schon im Ansatz mehr Gefühl haben als jeder Hochzeitskleidficker mit seinen dunklen Phantasien.“
Immer wieder erfindet Uwe Stöß Bilder, die so treffsicher, so kontrastreich, so schön sind, dass sie staunen machen. Aus dem elendesten Leben, das man sich vorstellen kann, schlägt er solche Funken: „Ich schaute über die Stadt und das angrenzende Land. Wie ausgeworfene Netze lagen die beleuchteten Straßen zwischen den Häusern. Der Schornstein des Heizkraftwerkes spuckte ein weißes Gespinst in die letzten dunklen Fetzen der Nacht. Im Osten unternahm die Sonne erste Kletterversuche.” „Der Juni zog dem Mai die Kraft aus den Lenden mit erbarmungslosen Sonnenstrahlen, die den Saft des Frühlings endgültig im gleißenden Licht des Mittags verdampfen ließen. Die Sonne labte sich unersättlich am grünen Blut der Natur und hinterließ nur noch eine allmählich braun werdende Hülle.”

Eine Stärke der Erzählungen sind ihre unbedingte Ehrlichkeit mit sich selbst. „Vielleicht sollte ich auf mich zornig sein, doch das täte weh. Diese Stadt hingegen verkraftete meinen Hass. Sie ertrug ihn geduldig. Wie beneidenswert!“

Anrührend ist die Geschichte vom Sandmann, der geistig auf dem Stand eines Kindes und ebenso hilflos war. „Ich nahm einen kräftigen Kondolenzschluck, wünschte dem Sandmann eine angenehme Reise und kehrte seinem Lieblingsplatz den Rücken. Irgendjemand würde ihn wohl finden. Bei der Anteilnahme unserer Mitmenschen konnte es aber auch durchaus passieren, dass man in hundert Jahren hier oben ein Skelett in einem Anorak fand. Ich schlug den gewohnten Weg ein, der mich ins Tal zu Freds Schnapsladen führte, und an dessen Ende ein ausgefranster Stuhl stand, auf dem ich Platz nehmen würde, um mit einem giftgrünen Anorak, einem dreckigen Hals und vollgesabberter Knopfleiste darauf zu warten, dem Sandmann in die Hölle zu folgen.”

Und nun, liebe Leser, fassen Sie sich ein Herz, vergessen Sie ihre Ekelgefühle und folgen Sie Uwe Stöß in die Abbruchhäuser, auf die vermüllten trostlosen verlassenen Grundstücke, ins Gefängnis, in die Folterkammer der Kindheit – folgen Sie ihm in das Reich, das er durchlebt und erstaunlicherweise überlebt hat:

Zwei Etagen unter der Hölle.

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5.0 von 5 Sternen
Das Leben..., 17. März 2010
Von Marlafox (Klein-Paris)
Rezension bezieht sich auf: Zwei Etagen unter der Hölle (Broschiert)

... spielt sich genau so ab, wie Uwe Stöß es beschreibt. Es gibt die einen, auf der "besseren Seite" des Lebens und die Anderen, die einfach nicht zurecht kommen. Mancherlei Erheiterndes fand ich auch - obwohl es doch eigentlich todernst ist. Ein gelungenes Werk eines Meisters der Straße, der den schweren Absprung geschafft und seine Angst vor dem "wahren Leben" (was immer das bedeutet) überwunden hat.

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5.0 von 5 Sternen
Welch eine Sprachgewalt..., 16. Februar 2010
Von Jens Sommereisen (Kempen)
Rezension bezieht sich auf: "Zwei Etagen unter der Hölle" (Taschenbuch)

Ich bin durch einen Artikel in der FAZ auf Uwe Stöß aufmerksam geworden. Sätze wie: Da ist etwa Familie Biedermann im Reihenhaus in der Siedlung Sonnenschein, in der sich der Vater aus Angst vor dem sozialen Abstieg aufhängt, die Mutter jedoch lediglich um ihren Ruf besorgt ist. 'Hängen muss er wegen der Polizei', instruiert sie ihre Tochter, 'aber in der Garage wegen der Diskretion.' oder 'Nun schwammen die kleinen Alkoholfrachter mit dem Strom meines Blutes in Richtung Gehirn. Eine sanfte Wärme entstieg dem Inneren der Erde, erreichte meine Füße, durchströmte meine Beine und ergoss sich im Mittelpunkt des Seins. Die Alkoholtransporter, am Hirn angedockt, löschten zügig ihre Ladung. Container mit Plagiaten billiger Glückseligkeit, Säcke stumpfer Traurigkeit und ein paar Fässer lächerlicher Lebenslust. Jedes Mal verstreuten sie auch unzählige Flugblätter, die mich aufforderten, genauso weiterzumachen wie bisher. Vielleicht sollte ich auf mich zornig sein, doch das täte weh. Diese Stadt hingegen verkraftete meinen Hass. Sie ertrug ihn geduldig. Wie beneidenswert!' hatten meine Neugierde geweckt.

Und dieser Neugierde wurde er vollends gerecht. Was für ein Debütroman! Auf jeder zweiten Seite überrascht er mich mit tiefsinnigen, bildlichen Beschreibungen seiner Emotionen. Er hat die Kunst verstanden, das ein Buch riechen, schmecken und fühlen muss. Dies ist ihm definitiv gelungen. Seine Schreibe erinnert mich teilweise an den grandiosen Jörg Fauser und ich hoffe das er weitere Romane veröffentlicht, welche so nah am Wind, des wahren Lebens segeln, wie Zwei Etagen unter der Hölle.

 
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